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26.02.2006
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Für die
Fans der Heimat Fanpage kam heute eine Email von Edgar Reitz mit
seiner Rede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde:
Rede
zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Mainz am
21.02.2006
«Film
und Wirklichkeit»
Ich
habe eine Reihe wichtiger Gründe, über dieses Thema nachzudenken.
Die Art und Weise, in der die HEIMAT-TRILOGIE von der Öffentlichkeit
oftmals wahrgenommen wurde, wirft meine ursprünglichen Ansichten
über Film und Wirklichkeit über den Haufen. Was in meinen Augen
einmal eine äußerst subjektive Erzählung war, die sich nur selten
an Fakten, dafür aber umso mehr an Wünschen, Ängsten und vagen
Erinnerungen orientierte, das wurde vom Publikum oft als abgefilmte
Realität verstanden. Meine Geschichten wurden der Welt der Tatsachen
zugeordnet, die eigene Erfahrungen der Zuschauer sogar ausgelöscht
und ersetzt haben. Ich spreche hier nicht von der Popularität, die
ein Film erreichen kann, denn diese entsteht eher durch die Mythen,
die er in die Welt setzt, durch die poetische Kraft seiner Figuren und
die angebotenen Identifikationen; all das finde ich wunderbar. Ich
spreche vielmehr von den fatalen Verwechselungen zwischen Film und
Leben, von Versuchen, die Schauplätze, Charaktere und ihre
Geschichten jenseits der ästhetischen Gestalt des Film-Werkes zu
begreifen, von Versuchen, die erzählten Geschichten als bare Münze
zu nehmen. Meine Überzeugung, dass ein Film bestenfalls ein Abbild
des Lebens, niemals aber ein Ersatz oder gar eine Verdoppelung der
Realität sein kann, musste ich für mich behalten. Der Umgang mit
Schabbach, den Simons, dem Günderodehaus oder den vielen Figuren des
Films, wie Clarissa, die Kath, der Glasisch oder das Klärchen ist mir
oft ein Ärgernis gewesen. Ich will deswegen hier versuchen, die
Filmkunst gegen ihre eigene Suggestivität zu verteidigen. Ich halte
das für notwendig, denn es gibt bei aller Anerkennung, die dem
erzählerischen Realismus von HEIMAT gewährt wird, das Problem eines
Poesie-Verlustes durch die erfolgreiche Rezeptionsgeschichte. Deswegen
sei es mir gestattet, hier einmal für die filmische Poesie
einzutreten und die Grenzbereiche zwischen Film und Wirklichkeit ein
wenig zu beleuchten, zumal diese Grenzen durch die Medien permanent
verletzt werden und die Fernsehbilder sich deswegen in fataler Weise
zwischen uns und unsere Realitätswahrnehmung drängen.
Es
heißt, dass die Erfindung der bewegten Bilder auf einer Täuschung
des Auges beruhe: Die Filmkamera "zerhackt" den
kontinuierlichen Zeitablauf in eine Reihe von starren Augenblicken.
Infolge der Trägheit des menschlichen Nervensystems, das
Momenteindrücke von einer raschen Bildwechselfrequenz nicht
unterscheiden kann, entsteht in unserem Hirn der Eindruck von ruckfrei
fließender Bewegung. In der Frühzeit des Kinos hatte man sich auf 18
Bilder pro Sekunde geeinigt, später wurde die Laufgeschwindigkeit der
Filme auf 24 Bilder pro Sekunde gesteigert, um den Flimmereffekt der
Stummfilmzeit zu überwinden. Die Fernsehtechnik beruht auf dem
gleichen Prinzip und arbeitet mit 50 Halbbildern pro Sekunde, weil man
bei dieser Geschwindigkeit die 50 Hz Wechselfrequenz des Netzstromes
als Taktgeber nutzen kann. Kontinuierliche Bewegungsabläufe können
aber auch die modernen Großbildverfahren wie IMAX, das
hochauflösende Fernsehen und die angeblich flimmerfreien
Flachbildschirme nicht darstellen. Es steht außer Zweifel, dass
technisch immer weitere Qualitätsverbesserungen erreichbar sind und
dass die bewegten Bilder auf Leinwand oder Bildschirm in Schärfe,
Auflösung, Farbtreue und Flimmerfreiheit der natürlichen Wahrnehmung
des Auges immer näher kommen werden. Aber werden sie der natürlichen
Wahrnehmung der Augen irgendwann gleich? Lässt sich das Auge, lassen
sich Sehnerv und Hirn wirklich komplett täuschen, sodass wir die
Filmbilder als Wirklichkeit erleben? Die Frage nach dem Zusammenhang
von Sinnen und Sinn stellt sich mir umso dringlicher, als die
kommerziellen Angriffe der Medien auf unsere Sinneswahrnehmungen
unmittelbar zu Eingriffen in die Sinnvermittlung werden.
Machen
wir ein Experiment: Richten wir den Blick auf irgend einen realen
Gegenstand oder besser noch auf eine lebende Person. Betrachten wir
einmal ganz bewusst dieses "Bild" vor unseren Augen, öffnen
wir einmal alle Sinne für die Wahrnehmung seiner Anwesenheit und der
dabei verfließenden Zeit. Wir werden feststellen, dass nicht nur dieser
Gegenstand, den wir anschauen, seine Bewegung oder sein Dasein in
der Zeit hat, sondern dass wir, die wir ihn betrachten, Zeitgenossen
des Betrachteten sind. Wir schauenden Subjekte nehmen an genau dem
selben Zeitfluss teil, der auch die angeschauten Dinge bestimmt. Wir
empfinden ein deutliches Hier und Jetzt, und wir wissen zugleich,
verdeutlicht durch alle unsere Lebenserfahrungen, dass diese
gemeinsame Gegenwart niemals zum Stillstand kommt, sondern ewig und
immer sich aus der dunklen Zukunft in die Todeswelt der Vergangenheit
hineinbewegt. Diese sinnliche Erfahrung unserer Anwesenheit im
gesellschaftlichen Raum ist zugleich eine erste Sinnerfahrung.
Realzeit, das ist der absolute Ernstfall, die Zeit, in der wir geboren
werden, in der wir von Freiheit sprechen, in der wir agieren, in der
wir lieben, hassen und sterben.
Richten
wir aber den fragenden Blick auf eine Kinoleinwand, so erkennen wir
sofort, dass die Personen auf der Projektionsfläche nicht
"Live" sind. Ihr Auftritt findet nicht zur gleichen Zeit
statt, wie die Betrachtung. Selbst wenn ein Spielfilm es durch seine
Handlung vermag, uns in seine eigene, die Erzählzeit suggestiv
hineinzuziehen, sodass wir so erregt zuschauen, als wären wir
"dabei", so wissen wir aber dennoch sehr genau, dass dies
alles nicht im üblichen Sinne real ist. Selbst Kinder kennen von vorn
herein und ohne jegliche Anleitung diesen Unterschied. Die Sinne
lassen sich auch durch großen technischen Aufwand nicht dauerhaft
täuschen. Selbst wenn alles aufgeboten wird, was an Naturalismus
möglich ist, dreidimensionales Bild, Farbfilm, Stereoton,
Rundumprojektion ohne Rahmen, bleibt diese Unterscheidungsfähigkeit
der Sinne erhalten. Alle möglichen Versuche dieser Art sind gemacht
worden.
Mit
den neuen elektronischen Techniken wird versucht, alle Sinne
gleichzeitig zu täuschen, indem auch noch "interaktive"
Beziehungen zum künstlich vermittelten Bild der Welt aufgenommen
werden können. Man kann den künstlichen (virtuellen) Raum quasi
betreten, man kann sich darin umsehen und in gewissem Ausmaß auch
darin handeln. Aber ich behaupte, dass sich unser Wirklichkeitssinn
auch durch solche Anordnungen nicht vollkommen täuschen lässt. Das
projizierte oder digitalisierte Bild ist von einer grundsätzlich
anderen Natur als das Bild, das wir mit unseren eigenen Augen im
Kontext der eigenen Lebensgeschichte wahrnehmen. Eine Ursache dieser
Unterscheidungsfähigkeit ist eine für die menschliche Natur typische
Verbindung der Sinne zum Sinn. Das äußere Bild tritt in Verbindung
zu den inneren Bildern und überprüft dabei die Rolle des Selbst. Die
gesamte Wahrnehmung der Welt ist zugleich eine Selbstwahrnehmung und
Sinnsuche. Das allgemeine Gesetz, dass wir nicht an verschiedenen
Orten zugleich sein können und dass Zeit immer etwas Gemeinsames ist,
das wir mit anderen Menschen teilen müssen, dient den Sinnen als
Unterscheidungskriterium. Zwischen Filmaufnahme und Wiedergabe vergeht
Zeit, die deutlich werden lässt, dass die im Film
"festgehaltene" Zeit schon unmittelbar nach dem Abschalten
der Kamera vergangene Zeit ist. So beschreibt der Film immer
"vergangene Bewegung". Bewegung und Zeit aufbewahren zu
können und im Nachhinein sichtbar zu machen, das ist das eigentlich
Neue an der Cinematographie. Durch die Erfindung des Fernsehens hat
sich diese Verschiebung auch im räumlichen Sinne durchführen lassen.
Die "Direktübertragung" von bewegten Bildern lässt zwar
die zeitliche Verschiebung gering werden, sodass man von
"Gleichzeitigkeit" spricht, aber die Bewegung, die an einem
Ort stattfindet, wird an anderen Orten nur wiederholt. Auch da
unterscheiden unsere Sinne besser als unser Verstand und
"wissen", dass nichts unmittelbar real sein kann, was
nicht "hier" ist und nicht das „Jetzt" mit uns teilt.
Die Nervenreflexe sind anders gesteuert und lassen sich durch
Filmbilder ihre eigene Zeit nicht wegnehmen.
Seit
Aristoteles gibt es die Mimesis, die Konfrontation zwischen
Wirklichkeit und ihrem von Menschen geschaffenen Abbild. Das Abbild
ist aber immer ein ästhetisches Produkt, nur verständlich als eine
Übersetzung in eine andere Realität: Es teilt nicht mehr Ort und
Zeit mit uns. Das Kunstwerk erreicht uns von zwei Seiten gleichzeitig,
als Anspielung auf Erinnertes - und als etwas „Schönes". Dabei
verlagert sich jegliche Spannung, jede Begrifflichkeit und jede
emotionale Empfindung auf diese Kunstebene, an deren Fiktionalität
beim Betrachter kaum Zweifel aufkommen können. Das Auge als
Bestandteil unseres sinnlichen Selbst lässt sich durch Bilder nicht
täuschen. Unser Bewusstsein unterscheidet normalerweise zwischen
Wirklichkeit und Film. Dabei erhebt sich die Frage, ob sich dieser
natürliche Realitätssinn ausschalten lässt. Wie wirklich kann also
Film sein?
Unsere
Fähigkeit, Gegenwart als innere und zugleich äußere Realität zu
begreifen, ist ein ganzes Leben lang gewachsen und hat bestimmt auch
eine lange Vorgeschichte in der Evolution. Es ist oft darüber
philosophiert worden, dass wir zur Erkenntnis der Wirklichkeit infolge
dieser Verknüpfung der Sinne mit der subjektiven Wahrnehmungsweise
eigentlich nicht ausgerüstet seien als Menschen. Jeder von uns kennt
auch jene Zustände der Seele, die uns die Realitäts- Wahrnehmung
unsicher machen und die Grenzen zwischen Traum, Imagination und
Wirklichkeit verwischen. Es gibt aber eine Gewissheit, ohne die wir
nicht hätten überleben können, weder in der Evolutionsgeschichte
noch individuell: Dies ist unser praktisches Wissen von
Zeitgleichheit. Wir wissen genau, dass ein Stein, ein Auto oder eine
bewegte Hand, die real auf uns zukommen, gefährlich sind und
verhalten uns nach dem Urteil unserer Erfahrungen. Wir weichen aus,
wir fliehen, wir lassen zu. In anderen Fällen freuen wir uns auf die
Berührung, genießen Zärtlichkeiten, warten ab und fliehen nicht.
Wir bewegen uns in den Geschwindigkeiten, zu denen unsere Physis uns
befähigt und entwickeln Sinne dafür, ob verschiedene
Geschwindigkeiten sich vertragen oder zu gefährlichen Kollisionen
führen.
Wenn
wir aber Filmbilder betrachten, wissen wir, dass hier tödliche
Gefahren nicht drohen und dass es auf die Beachtung der
Geschwindigkeiten nicht wirklich ankommt. Wir fühlen uns in
Sicherheit gegenüber der Wirklichkeit des Filmbildes und genießen
die "Angstlust" wie auf der sicheren Achterbahn. Je
realistischer die Sinneseindrücke im Kino sind, umso größer die
Faszination. Das Kino verdankt seinen Erfolg von Anfang an dieser
Realitätsnähe, die uns aufregt und zugleich unversehrt lässt. Eine
Vielzahl von Computerspielen beruhen auf dieser Vermittlung
gefahrloser Gefahren und sind deswegen so erfolgreich, weil selbst
Kinder sich gegenüber dem Medium in Sicherheit wissen. Gerade
deswegen setzen sie sich über die angeblichen „moralischen
Gefahren", die ihnen von der pädagogisch engagierten
Erwachsenenseite vorgehalten werden, so leicht hinweg.) Ich habe keine
Antwort auf die Frage, warum unsere Reflexe bei körperlichen
Angriffen so gut funktionieren, bei psychischen aber nicht.
Also,
auf welche Weise bildet das Kino Leben ab? Das ist die Frage, die mich
durch mein Filmemacher-Leben begleitet. Wie wir gesehen haben, ist es
eine andere, eine "übersetzte" Wirklichkeit, mit der Film
sich beschäftigt und nicht die Unmittelbarkeit, die von den
Filmbildern oft suggeriert wird. Das Auge der Kamera entdeckt, dass
alles, was sich zwischen den Menschen abspielt, seine eigene Zeit hat.
Ob sich die Zeit in unserer Wahrnehmung unerträglich dehnt oder im
Trubel der Erlebnisse heiter zerrinnt, am Ende wird sie uns ratlos
zurücklassen und kein Zeichen hinterlassen, wohin sie gegangen sei.
Auch die Kamera beherrscht dieses Dehnen und Raffen der Zeit und macht
so das Abbild eines weiteren Geheimnisses möglich. Unwiederholbar und
einmalig sind die Augenblicke des realen Lebens, - wiederholbar und
zeitlos sind die Bilder, die der Filmemacher mit dem magischen
Instrument - der Kamera – erbeutet, dem Leben und seiner
Vergänglichkeit entreißt. Filmemacher sind Voyeure und Sammler. Ihr
Interesse am Leben der Menschen, an der Bewegung ihrer Geschichten, an
den Reibungen, die dabei entstehen, den Stockungen und
Beschleunigungen, den Täuschungen und der Auflehnung der Sinne,
entsteht aus der Sucht, sich alles anzueignen und Geschichten daraus
zu montieren. Aber im erzählerischen Talent steckt noch eine andere
Lust: Bewegungen zu erfinden, dem Leben Geschichten entgegenzusetzen,
die in der Wirklichkeit niemals stattgefunden haben, damit also ein
zweites Leben zu erschaffen, das dem wirklichen zum Verwechseln
ähnlich ist. Auf der Kinoleinwand verschwindet der Unterschied
zwischen Fiktion und Wirklichkeit, weil beides als Bild gleichermaßen
realistisch aussehen kann. Kein Erzähler würde verlangen, dass man
für buchstäblich hält, was er erzählt, denn der Erzähler ist mit
dem Vorgefundenen nie zufrieden, das Erzählen begnügt sich nicht mit
den Tatsachen. So wie es nicht genügt, die Filmkamera in Gang zu
setzen, um ein Bild zu machen, so genügt es nicht, die Welt so
abzubilden, wie sie uns gegenübertritt.
Auch
das Erzählen selbst hat eine Bewegung. Es bewegt sich vom Bekannten
zum Unbekannten. Die Faszination des Unbekannten entsteht aus dem
Geheimnis, das die Dinge und Menschen in einer Geschichte umgibt.
Poesie entsteht aus Ungewissheit. Der gute Erzähler beginnt seine
Geschichten aus wohlbekannten Perspektiven und folgt seinen Figuren
auf den Wegen in die Fremde. Der gute Erzähler wird niemals etwas in
die Dinge "hineingeheimnissen", denn die Welt ist ohnehin
voller echter Geheimnisse, denen man auf den Wegen des konsequenten
Erzählens nicht entgeht.
Sobald
das erzählerische Interesse im Vordergrund steht, sind nicht Kameras
das eigentliche Werkzeug, sondern das persönliche Gedächtnis, die
Erinnerung der Autoren. Es gibt einen Satz aus Chris.Markers Film SANS
SOLEIL (von 1983), der auf besonders schöne Weise erklärt, wie das
Geschichtenerzählen mit der Erinnerung arbeitet. „Ich werde mich
mein Leben lang fragen, wie Erinnerung funktioniert, die nicht das
Gegenteil von Vergessen ist, vielmehr seine Kehrseite. Man erinnert
sich nicht, man schreibt das Gedächtnis um..." Erinnerungsarbeit
ist also immer ein kreativer Akt. Sie setzt die Bruchstücke des
Lebens, die in unserem Gedächtnis wie ein Scherbenhaufen herumliegen,
neu zusammen und schafft sich eine Biographie. Biographien sind
fiktiv, ebenso wie eine Film-Geschichte. Die Kamera arbeitet ähnlich
wie unser Gedächtnis, produziert Bruchstücke und
Wirklichkeits-Scherben, die wir als Film-Autoren in der Montage neu
zusammensetzen und zur Erinnerungs-Geschichte montieren. Das
Zeit-Kontinuum, das für unser Leben Naturgesetz ist, hat durch die
Erfindung des Films einen Riss bekommen. Aber auch mit der Kamera
holen wir das Vergangene niemals ein, wir trennen uns vielmehr
endgültig, wenn wir einen Film machen. Diese Trennung findet, auf
eine würdigere Weise statt, als es das bloße Vergessen tut. (Zitat:)
„Die
Zeit heilt alles, nur nicht die Wunden. Mit der Zeit verliert die
Wunde der Trennung ihre wahren Ränder. Mit der Zeit wird der begehrte
Körper nicht mehr sein, und wenn der begehrende Körper schon
aufgehört hat, zu sein, ist das was bleibt, eine Wunde ohne
Körper." (SANS SOLEIL) Von solchen Wunden erzählt der Film.
Die
Filmkunst handelt immer auch vom Abschiednehmen. –
Das
filmische Konzept geht von den visuellen Archetypen aus. Es erzählt
in Bildern, deren Ursprung jenseits der Worte liegt. Es geht um das
Ausgraben und Aufdecken von Erinnerungen, von starken,
gefühlsgeladenen Bildern, es geht letztlich um das Entdecken
visueller Mythen, für die es keine Worte gibt und vor Erfindung der
Filmkunst kein Medium gab. Dazu gehört die Gegenwart des menschlichen
Gesichtes, sein Ausdruck in bestimmten Momenten der Erregung, die
reine Anwesenheit der Person, wenn man sie mit Hilfe der Kamera als
Welträtsel begreifen lernt, eine Geste zum Beispiel, die die Liebe
neu und ewig macht, ein Licht, in das man treten kann, um sich der
Wahrheit eines Tages zu vergewissern. Filmisch sind die Blicke, sind
die Augen; der Film begibt sich auf die Suche nach dem Ewigen in den
Oberflächen, nach dem unvergeßlichen Moment, er handelt permanent im
Präsenz, er widmet sich der Liebe zu den Augenblicken, die sonst kein
Medium so zu bannen vermag, wie der Film. Obwohl mit Kameras
hergestellt und mit Objektiven aufgenommen, handelt Film nicht von
realen Dingen. Real sind – vor allem im Spielfilm – vielleicht die
Schauplätze, die Personen, ihre Kostüme und Requisiten. Unsichtbar
ist aber die Geschichte selbst. Es gibt keine sichtbaren Geschichten.
Deswegen habe ich mir immer wieder gesagt, lass dich nicht von deiner
eigenen Inszenierung verführen. Schließe die Augen, bevor du einen
Drehtag beginnst und erfinde deine Erinnerung neu. Lass die Geschichte
vor deinem inneren Auge entstehen. Kürzlich las ich über kanadische
Forschungsergebnisse in der Hirnforschung, dass „innere Bilder"
mit offenen Augen besser wahrgenommen werden, als mit geschlossenen.
Kubricks Titel EYES WIDE SHUT bekommt damit eine phantastisch-neue
Dimension.
Soweit
wäre also das Verhältnis von Film und Wirklichkeit für mich
geklärt, wenn ich nicht nach der HEIMAT-TRILOGIE einer Umkehrung des
Problems konfrontiert worden wäre. Scharen von heimatsüchtigen
Zuschauern machten sich auf den Weg, um Schabbach zu besuchen, an den
Gräbern der Simons ein Gebet zu verrichten oder an der Filmkulisse in
Oberwesel das Günderrode-Haus wiederzufinden. Kürzlich sprach mich
in einem Simmerner Café eine Frau an, die mir aufgeregt mittelte, ihr
Mann sei der „Horst" aus HEIMAT 1. Beweis: Ihr Horst sei der
Sohn eines Ortsbürgermeisters, habe mit 12 Jahren alle Bundesstaaten
der USA auswendig aufsagen können und seine Mutter sei genau so eine
Frau wie die Lucie. Liebe Frau, antwortete ich, da stimmt aber etwas
nicht, denn mein Horst im Film ist, wie Sie vielleicht gesehen haben,
im Alter von 14 Jahren bei der Explosion eines Minenblindgängers
gestorben. Da kann er doch nicht heute Ihr Mann sein! Ach ja, meinte
die Frau, wir wissen natürlich, dass in einem Film vieles erfunden
ist. Ihre künstlerische Freiheit sei Ihnen gegönnt. Aber mein Mann
ist der Horst. Übrigens, sehen Sie da sitzt er, da hinten an dem
Tisch! –
Dies
ist eine von Hunderten von ähnlichen Erlebnissen, die mir zeigten,
dass die fiktiven Gestalten aus HEIMAT sich aus dem ästhetischen
Zusammenhang des Films losgerissen hatten und nun im Leben der
Zuschauer herumgeistern. Ja selbst die Toten haben noch den Film
verlassen und wesen im Leben der Zuschauer herum. So kam eines Tages
eine englische Familie in den Hunsrück, fragte sich bei den Leuten
nach „Schabbach" durch und hielt schließlich auf der
Dorfstraße von Woppenroth, wo sie wissen wollte, wo denn der Friedhof
sei. Man wolle die Gräber der Simons besuchen. Nun war der Mann, den
sie fragten, der örtliche Gastwirt, der – clever wie er durch den
Schabbach-Tourismus geworden war - erklärte, der Friedhof sei leider
schon geschlossen, aber er habe sehr gute Fremdenzimmer, in denen die
Gäste aus Britannien übernachten könnten. Während der Nacht wurden
die Dorfburschen mobilisiert, um die in einer Scheune
zurückgebliebenen Styropur- Grabsteine auf den Friedhof zu bringen.
So konnten die heimatsüchtigen Engländer am nächsten Morgen vor den
Gräbern der Filmfiguren ihr stilles Gebet verrichten. (Die Frage, die
sich mir stellt, ist, ob der Liebe Gott einen Unterschied macht
zwischen Gebeten für tote Lebende oder lebende Tote.)
Eine
Doktorandin aus Mannheim beschrieb 1989 die Entwicklung der
Amateurphotographie im 20. Jahrhundert und benutzte HEIMAT als Quelle
für ihre hochinteressanten Analysen. Gebrauch der Geräte,
Alltagsrituale, Modellentwicklungen der Photoindustrie, alle diese
Fakten studierte sie an einem Spielfilm, der ihr wie ein Fenster in
die historische Wirklichkeit erschienen ist.
Als
gegen Ende unserer Dreharbeiten ein Dokumentarfilm unter dem Titel „Schabbach
ist überall" gedreht wurde, war ich wütend. Ich empfand es als
Anmaßung und Ausdruck typischer Fernseh-Oberflächlichkeit, einen
Spielfilm derart für bare Münze zu halten. Es wurde versucht, die
eigene Geschichte des Hunsrück gegen die des Films auszutauschen.
Manche Einwohner der Region entdeckten prompt, dass ihnen
Stilisierungsmöglichkeiten ihres sonst so verödeten Dorflebens
angeboten wurden und schlüpften während der Fernseh-Interviews in
die Heimat-Identitäten wie in ein eigenes Kostüm: Die
HEIMAT-TRILOGIE hatte ihre Figuren und Landschaftsbilder über alle
Teile der Welt verbreitet. An dieser Ausweitung des Horizontes wollten
die Hunsrücker natürlich auch persönlich teilnehmen. Der Versuch
einer Rückverwandlung von Filmbildern in Realität blieb für mich
allerdings ein unzulässiger Verstoß gegen ein ästhetisches
Grundgesetz. Dennoch: Es bleibt eine Tatsache, dass ein Film diese
doppelte Wirkungsweise haben kann: Wirklichkeit wird in Fiktion
verwandelt und diese verwandelt sich in Wirklichkeit zurück. Das
Fernsehen führt uns diese unheimliche Umkehrung täglich vor Augen.
Ich
habe hier vieles sehr abgekürzt und sprunghaft darstellen müssen.
Irgendwann einmal sollte ich die Lücken ausfüllen. Dabei wird es
noch mehr um das Zeitproblem gehen: Das Grundmotiv für jede
künstlerische Arbeit ist, dem Flüchtigen Bestand zu verleihen. Was
wäre flüchtiger als das Leben selbst und unsere direkte Wahrnehmung
der Welt? Film handelt von der Flüchtigkeit des Realen. Je
flüchtiger ein Ereignis ist, eine Beleuchtung, ein Wort, ein Gefühl,
umso reizvoller ist die Aufgabe, Bilder davon zu machen oder seine
Geschichte des Vergehens zu erzählen. Die
"allgemeingültigen" Themen, die "Wahrheiten" sind
eher Sache der Philosophie, die auf der Fähigkeit beruht, mit
geschlossenen Augen zu denken. Sache des Films ist es, mit weit
offenen Augen zu träumen. Durch das Erzählen können wir Zeit, die
sonst unwiederbringlich ist, wiederholbar machen und unserem Publikum
zurückgeben. Vielleicht ist gerade das eins der Geheimnisse der
Kunst, dass die Wirklichkeit, von der sie sich einmal abgeleitet hat,
hinterher nicht mehr dieselbe ist.
21.
Februar 2006
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