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Film
1
DAS GLÜCKLICHSTE VOLK DER WELT (1989) Am Abend des historischen 9. November 1989 begegnen sich Hermann Simon und Clarissa Lichtblau nach langen Jahren wieder. In einer Berliner Hotelhalle fallen sich die Liebenden von einst in die Arme, während man ringsum euphorisch den Fall der Mauer am Brandenburger Tor feiert.
Hermann ist ein renommierter Dirigent und Clarissa eine gefeierte Sängerin geworden, doch sie haben immer nur aus Koffern gelebt und ein bewegtes, aber letztlich einsames Dasein geführt. Sie lieben sich in einem Hotelzimmer, während der Fernseher läuft und die Jubelszenen der Menschen von Ost und West überträgt. Als sie sich nach ihren beiden Leben befragen, erzählt Clarissa von einem Ort ihrer Sehnsucht, einem Haus, in dem sie mit ihm, den sie nie vergessen konnte, gern hätte leben wollen. Hermann ist wie elektrisiert und bricht noch in derselben Nacht mit ihr auf.
Unterwegs durch die DDR, dann in Westdeutschland, wechseln sie sich am Steuer ab, Hermann schläft auf dem Beifahrersitz ein. Als er erwacht, findet er sich in seiner Heimat wieder. Clarissas Traumhaus steht in einem Weinberg am Rhein, direkt gegenüber der Loreley. Hermann, der hier jeden Fleck kennt, ist beglückt und alarmiert zugleich. Ganz in der Nähe liegt Schabbach, das Dorf seiner Kindheit, das er als junger Mann voll Schmerz und Wut verlassen hatte, um in der Großstadt München ein freies Leben zu finden und seine künstlerischen Träume zu verwirklichen. Er hatte nie mehr zurückkehren wollen. Doch Clarissas Wunschziel und die Vorstellung, mit ihr hier ein neues Leben zu beginnen, betören ihn. Das schöne alte Fachwerkhaus, das sie kurz entschlossen kaufen, ist allerdings eine Ruine. Es muss aufwendig renoviert werden.
Während Hermann, trotz der alten Berührungsangst, sein Dorf und seine Brüder Ernst und Anton aufsucht, fährt Clarissa nach Leipzig. Ihr Konzert im Gewandhaus fällt zwar wegen einer der damaligen Montagsdemonstrationen aus, aber sie lernt dort Gunnar und Udo, zwei Bauhandwerker, kennen. Die jungen Männer sind gleich bereit, für West-Mark und am schönen Rhein, die Ruine wieder instandzusetzen. Und zwei weitere Sachsen werden engagiert: Tobi, ein Kirchenrestaurator, und Tillmann, ein Elektriker. Das Glück des Neubeginns im Jahr 1989 ist umfassend. Das "Günderrode-Haus" - benannt nach einer romantischen Dichterin, die angeblich darin gewohnt hatte - wird zum Schauplatz neuer Bekanntschaften und Wiederbegegnungen. Die jungen Sachsen erweisen sich als hervorragende Handwerker. Hermann und Clarissa befreunden sich mit ihnen, und man beschließt, das erste gesamtdeutsche Weihnachten gemeinsam in München zu feiern, wo Hermann noch seine alte Wohnung hat.
Clarissa kann jedoch nicht dabei sein. Allzu bald ist sie aus der Zweisamkeit mit dem Geliebten herausgerissen worden: Ihr 18jähriger Sohn Arnold, bei ihrer Mutter in Hamburg lebend, hat als "Hacker" ein Ding gedreht und muss vor Gericht. Sie fährt zur Verhandlung, die zwar glimpflich verläuft, aber die Mutter nimmt Clarissa ins Gebet wegen ihrer Liebe zu Hermann und dem "unsinnigen" Hausbau am Rhein. So gefährde sie ihre Karriere. Aus Schuldgefühlen verspricht sie der Mutter, Weihnachten bei ihr und Arnold zu verbringen.
Ohnehin sind Clarissa und Hermann durch jeweilige Engagements immer wieder getrennt worden und haben sich sehnsuchtsvolle Briefe von unterwegs geschrieben, während die Bauarbeiten am Günderrode-Haus voranschritten.
Weihnachten wird also ohne Clarissa in München gefeiert, in dieser für die DDR-Gäste märchenhaften Stadt. Als Hermann von einem Ausflug zur Zugspitze, den Gunnar und Udo mit ihren Frauen und Kindern begeistert erlebten, zurückkehrt, steht Clarissa unerwartet vor seiner Wohnungstür. Glücklich schließt er sie in die Arme.
Gunnar hat an diesem Tag jedoch ein schwerer Schlag ereilt. Seine Frau Petra, die sich in Hermanns Assistenten Reinhold verliebt hat, verlässt ihn abrupt. Überstürzt und tief gekränkt fährt Gunnar zur Baustelle am Rhein zurück und erlebt einsam das Silvester des Jahrs der Wiedervereinigung.
Film
2 DIE WELTMEISTER (1990)
8. Juni 1990. Es ist so weit: Das fertig restaurierte
"Günderrode-Haus" von Hermann und Clarissa ist zu einem
wahren Schmückstück geworden. Seine Schönheit leuchtet auch
Hermanns Bruder Ernst entgegen, der in seiner Cessna den Rhein überfliegt
und in gewagtem Tiefflug über das Haus beinah Gunnar vom Dach fegt.
Der will dort eine Satellitenschüssel installieren - ein wichtiger
Akt, denn heute soll nicht nur das Einweihungsfest stattfinden, es
ist auch der Tag des Eröffnungsspiels der Fußball-WM, das alle am
Fernseher miterleben wollen.
Zu Gast sind Hermanns ältester Bruder Anton mit seinem großen
Familienanhang, die sächsischen Bauleute Udo mit Frau und Söhnen,
Tillmann mit Moni, seiner neuen Liebe, und Freunde vom Dorf. Auch
unerwarteter Besuch erscheint: Petra mit ihren zwei Kindern und
Reinhold. Aus Bretagne- Ferien zurückkehrend macht die neue und
provokant glückliche Familie am Günderrode-Haus Station. Gunnar,
der verlassene Ehemann, ringt um Fassung, flüchtet sich in Alkohol
und an den Fernseher. In seinem T-Shirt mit der Aufschrift
"Brehme", seines Nachnamens, der auch der Name des
deutschen Fußballstars ist, wirkt er eher lächerlich. Gunnar ist
der Verlierer unter all den glücklichen Liebespaaren des Abends. Da
ist ihm auch die Zutraulichkeit seiner kleinen Töchter kein Trost.
Nach einem Einweihungsständchen für Hermann und Clarissa und einer
Führung der Gäste durchs neue Haus, versammeln sich alle am
Fernseher, um das Spiel "Argentinien gegen Kamerun" zu
verfolgen. Der private Missklang scheint gebannt, doch spät in der
Nacht kommt es zum heftigen Streit zwischen Gunnar und Petra. Sie
will die Scheidung und die Kinder haben. In seinem Secondhand-VW
braust Gunnar in Richtung Berlin davon, und die Party ist
schlagartig zuende.
Am frühen Morgen, als man im Günderrode-Haus noch schläft,
startet Ernst mit der Cessna gen Osten. Er wird von Tobi begleitet,
mit dem er sich angefreundet und den er wegen seiner
Russischkenntnisse als Konservator engagiert hat. Obwohl Ernst
gerade von einem Beutezug ins Baltikum zurückgekehrt ist, wo er
für ein paar Dollars verschollene Meisterwerke des Expressionismus
ergattern konnte, zieht ihn die Sammler-Manie schon auf die nächste
Abenteuerreise; diesmal zu den wohlfeilen Kunstschätzen in den
Archiven der zerfallenden Sowjetunion. Unweit von Berlin machen sie
wegen Spritmangels Station in Marxwalde, einem in Auflösung
begriffenen Stützpunkt der DDR-Luftwaffe. Tobi, der Nonkonformist
und "Späthippie" unter den jungen Sachsen, will eine alte
Rechnung begleichen: Als Wehrdienstverweigerer war er hier vor einer
Lenin-Statue zusammengeschlagen worden. Es gelingt ihm, seinen
damaligen Peiniger, einen NVA-Hauptmann, zur Rede zu stellen. Was
Tobi nicht bedenkt: Die alten Seilschaften der Militärs
funktionieren noch. So kommt es, dass die russische Luftabwehr über
Ernsts Flugpläne informiert wird. Ernst schlägt die Warnungen
Tobis in den Wind und fliegt nach Russland weiter. Tobi bleibt
besorgt zurück. Mit einem Militär-LKW und der Leninfigur, die er
als Erinnerungsstück an sich genommen hat, fährt er in seine
Heimatstadt Dresden zurück. Er will dort seine
Bürgerrechtler-Kommune beim Aufbruch in die neue Zeit
unterstützen.
Gunnar macht in Berlin eine Traumkarriere. Als
"Mauerspecht" ist er von Managern des
Warner-Bros.-Konzerns beauftragt worden, eine Million Steinchen als
berlintypisches Weihnachtsgeschenk für deren Kunden zu liefern.
Gunnar sieht sich als Jungunternehmer. Mit seinem vielen Geld glaubt
er, Petra zurückerobern zu können; die aber zieht mit den Kindern
für immer zu Reinhold nach München.
Hermann und Clarissa planen ein Ausjahr, um endlich in ihrem Haus
beisammen sein zu können. Eine Ziege ist ihnen zugelaufen, ein
launisches Tier, das sie in Atem hält. Auch das Landleben will
gelernt sein. Das Finale der Fußball-WM vereint alle Deutschen, und
damit auch die Protagonisten, im Siegesrausch. Mauerspecht Gunnar
wird in Berlin von johlenden Fans als "Brehme" in die Luft
gestemmt. Im Günderrode-Haus triumphiert Clarissas Sohn Arnold mit
einem coolen Freudentanz. Tobi, der sich nichts aus Fußball macht,
fährt mit der Lenin-Statue in den Hunsrück. Er will das
ausrangierte Denkmal bei Ernst aufbewahren. Als er erfährt, dass
der Freund auch nach drei Wochen nicht aus Russland zurückgekehrt
ist, bangt er um sein Leben.
Film
3 DIE RUSSEN
KOMMEN (1992-1993)
September
1992: Im Hunsrück werden die Karten der Weltgeschichte noch einmal
neu gemischt. Die amerikanischen Truppen haben begonnen, ihre
Stellungen zu räumen und den Militärflughafen Hahn aufzugeben.
Nachts dröhnen die gewaltigen "Galaxy"-Flugzeuge über
dem Land, die Atomsprengköpfe, Cruise Missiles und Geheimwaffen
abtransportieren. Auf den Feldern hinter der Startbahn halten die
Leute der Friedensbewegung um Pfarrer Dahl bei Kerzenlicht
Dankgottesdienste. Zur selben Zeit kehrt Ernst Simon überraschend
aus Russland zurück. Zwei Jahre lang war er, trotz diplomatischer
Vorstöße und Appellen in den Medien, in sowjetischen Gefängnissen
verschollen. Am Frankfurter Flughafen, wo die Maschine aus Moskau
landet, erwarten ihn die Journalisten. Zu aller Erstaunen kommt
Ernst mit einem Neugeborenen im Arm an und im Gefolge von
Russlanddeutschen, Heimkehrern aus Kasachstan und anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken. Galina, die Mutter des Babies, eine blutjunge, hübsche
Frau, ist Russin. Da sie in eine "deutsche" Familie
eingeheiratet hatte, konnte auch sie in den " goldenen
Westen" mitkommen. In einem Bus begleitet Ernst die
Aussiedlerfamilien in ihre neue Heimat im Hunsrück und beherbergt
Galinas Clan in seinem Haus am Schabbacher Goldbach.
Mit ihrem fremdländischen Charme und ihrer natürlichen Offenheit
gewinnt Galina bald alle Sympathien für sich und versorgt ihre
vielköpfige Familie mit den Zuwendungen der Einheimischen, die sich
sonst nur schwer an die neuen Mitbürger gewöhnen können. Fast 50
Jahre lang haben die Hunsrücker mit den großzügigen Amerikanern
und ihrer mächtigen Militärpräsenz gelebt. Jetzt beziehen
russisch sprechende, hilfsbedürftige Menschen deren Quartiere, und
noch vor kurzem waren die Sowjetrepubliken, wo sie gelebt hatten,
das Ziel der Atomraketen der Nato gewesen. Das ist ein Aspekt der
Wende, der von den alten Hunsrückern als "Witz der
Weltgeschichte" empfunden wird.
Hermann und Clarissa, die ihr berufliches Ausjahr genießen wollen,
werden ebenfalls von den neuen Ereignissen berührt. Die Ruhe, nach
der es sie in ihrem Karriereleben verlangt, tritt nicht ein. Die
Bürgerbewegungen, an denen sie engagiert teilgenommen hatten,
verlieren ihre Ziele. Nicht Kalter Krieg und Rüstung sind nunmehr
das Problem, sondern die Integration Tausender von
"Russen" im Hunsrück und Arbeitslosigkeit. Das idyllische
Günderrode-Haus liegt jetzt im Zentrum von Umbrüchen, und das Paar
beginnt sich zu fragen, warum es nicht einfach nur glücklich sein
darf. Nicht nur der Lärm der Galaxies dröhnt nachts übers Haus;
Clarissa wird neuerdings von Tönen im Kopf gequält. Der Tinnitus
alarmiert die Gesangskünstlerin. Die Töne kehren auch wieder, als
Hermanns Tochter Lulu - aus seiner Ehe mit Schnüsschen - unerwartet
mit zwei Freunden erscheint. Lulu kleidet ihre Aggressionen gegen
den Vater und sein neues Glück in kränkende Ironien. Ihr sonst so
willkommener Besuch bedrückt das Paar. Lulu ahnt das Ausmaß nicht;
sie genießt es, von ihren beiden Studienfreunden geliebt zu werden.
Auf einem Fest am Rhein entscheidet sie sich unversehens für Lutz,
der mit ihr einen Bungee-Sprung wagt. Roland, der andere, wird zum
traurigen Zeugen ihres "Höhenflugs".
Das verlassene Gelände der Hahn-Airbase wird zur Herausforderung
für jung und alt: Hartmut Simon, der sich von seinem Vater Anton,
dem Patriarchen und Gründer der "Optischen Werke Simon",
emanzipieren will, zieht in einer der leerstehenden Hallen ein
Konkurrenzunternehmen zur väterlichen Firma auf. Während Mara,
Hartmuts Frau, sich ihrer Pferdeleidenschaft und dem Dressurreiten
hingibt, während die Deutschrussen Schabbacher Wohnungen beziehen
und während Galina im Haushalt der Simons Arbeit findet, hat bei
allen ein Streben nach Profit begonnen. Hermann, der sich nie für
Geldgeschäfte interessiert hatte, reist nach Leipzig, um mit Hilfe
von Udo steuersparend in Sanierungsprojekte der Stadt zu
investieren, und Hartmut macht Millionengeschäfte mit Böckle, dem
als Investor getarnten "Firmenvernichter" eines
internationalen Handelskonzerns.
Bei all dem Profitstreben gibt es dennoch die Gefühle. Hartmut hat
sich heimlich in die schöne Galina verliebt, was gerade jetzt
prekär ist, da seine Frau Mara schwanger ist. Ohne seine Zuwendung
bringt sie das Kind zur Welt. Da schlägt für Schwiegervater Anton
die große Stunde. Bei der Tauffeier beerbt er den neugeborenen
Enkel mit Millionen aus seinem Privatvermögen und übergeht damit
brüsk nicht nur Hartmut, seinen Sohn und Junior, sondern auch
dessen Geschwister. Das Familiendrama weitet sich aus. Noch am
selben Abend gibt sich der verstörte Hartmut seiner Liebe zu Galina
hin. Als er sie spät ins Dorf zurückfährt, wird sie von ihrem
Mann Juri und der Familie für immer verstoßen. Hartmut holt Galina
zu sich in den Porsche zurück und fährt mit ihr ziellos in die
Nacht hinaus.
Zur gleichen Zeit feiert Lulu mit den zwei Freunden ihr bestandenes
Architektur-Examen. Mit Lutz, von dem sie ein Kind erwartet, und mit
Roland, dem unglücklichen Dritten, verbringt sie den Abend in einem
Hunsrücker Restaurant. Sie wollen im Günderrode-Haus übernachten.
Etwas betrunken wählen sie vorsichtshalber ein Taxi, doch auf der
Fahrt dorthin kommt es zum Unfall mit Hartmuts Porsche. Das Taxi
prallt gegen einen Baum. Lulu und Roland kommen mit dem Schrecken
davon, aber Lutz auf dem Beifahrersitz ist schwer verletzt. Hartmut,
der Schuldige, fährt ihn hektisch ins Krankenhaus, dort kommt aber
alle Hilfe zu spät.
Zitternd und sprachlos erscheint Lulu mit Roland am
Günderrode-Haus, während Hartmut und Galina im Schock eine
nächtliche Straße entlangirren.
Film
4 ALLEN GEHTS GUT (1995)
Herbst 1995.
Das Glück der Zweisamkeit lässt sich nicht erzwingen. Clarissa hat
die Tinnitus-Töne in ihrem Ohr als Alarmzeichen verstanden. Sie weiß,
dass das Singen und die Bühne weiterhin ihre Bestimmung sind, und
hat neue Engagements angenommen.
Als Hermann sie, nach wochenlangen Konzertreisen, am Mainzer Bahnhof
abholt, wird seine Hoffnung auf eine Fortsetzung des gemeinsamen
Idylls jäh zerstört. Clarissa kann nur wenige Stunden bleiben,
denn schon wartet eine neue Tournee auf sie. Hermann, der einst so
leidenschaftliche Musiker, müsste sie verstehen, aber blinde
Eifersucht hindert ihn. Er sieht seine Liebste, die ihm allzu
euphorisch erscheint und am Telefon mit ihrem Gesangspartner
flirtet, schon in dessen Armen liegen. Er macht ihr eine heftige
Szene und verkennt dabei ihren Stolz. Clarissa liebt Hermann, aber
angesichts seiner Vorhaltungen verschließt sie sich gänzlich.
Der Streit wird durch Hartmut unterbrochen, der gekommen ist, um den
beiden Galina vorzustellen und ihr zu einem völllig absurden
Gesangsstudium zu verhelfen. Da läuft Hermann kopflos aus dem Haus.
Bergabrennend kommt er im Städtchen Oberwesel an, steigt in den nächstbesten
Bus und betäubt sich mit Frustkäufen in einem Großmarkt. Bei
seiner Rückkehr ist Clarissa abgereist. In seinem Brass hatte er
seinen Schlüssel vergessen und tritt auf der Suche nach einem beim
Haus deponierten Zweitschlüssel in die Marderfalle, die Gunnar vor
Jahren im Gebüsch aufgestellt hatte. Hermanns Fuß wird schwer
verletzt. Wochenlang verbringt er in einer Klinik und kehrt dann
voll Melancholie ins Günderrode-Haus zurück. All das neue
Lebenskonzept, das er hier mit Clarissa zur Zeit der Wende entworfen
hatte, scheint zunichte. In seiner Verzweiflung hat er allerdings
wieder zum Komponieren zurückgefunden. Bereits in der Klinik hatte
er begonnen, eine Symfonie zu notieren und Gedichte der Caroline von
Günderrode zu vertonen. In einem einzigen Schaffensrausch hat er
sein Werk beendet, als Tillmann ihn an einem Morgen vorfindet.
Hermann will sich vergewissern, ob der Riss, den er in sich spürt,
durch die ganze Welt geht. Ahnungsvoll sucht er sein Heimatdorf auf.
Dort ist alles froher Stimmung. Sein 75jähriger Bruder Anton
schwelgt in Erfolgen. Nachdem er einen Landes-Verdienstorden
erhalten und seinen Sohn Hartmut wegen dessen Affäre mit Galina
nachhaltig terrorisiert hat, betätigt er sich jetzt im Management
des SV Schabbach. Hermann erlebt ein Fußballspiel mit, in dem die
Dorfmannschaft siegt und Anton als ihren Patron feiert. Allen
scheint es gut zu gehen, und selbst, als nachts ein Erdbeben die
Region erschüttert, wirkt die Welt friedlich.
Hermann zweifelt an sich und seinen Katastrophenahnungen. Am nächsten
Morgen jedoch erfährt er am Telefon von Antons Tod nach einem
Herzanfall. Seine Versuche, mit Clarissa wenigstens diesen Schmerz
noch zu teilen, scheitern. Sie ist nicht erreichbar. Auch im Kreis
der trauernden Familie findet Hermann keinen Halt. An der Bahre des
Toten entsteht ein absurder Streit über die Form der Bestattung.
Sentimentale Argumente für eine traditionelle Erdbestattung werden
vorgebracht, Mara votiert mit der Fraktion der modernen
Anton-Nachkommen für eine Feuerbestattung.
Hermann flieht, begibt sich auf eine ziellose Reise. An der Hunsrücker
Autobahn-Raststätte begegnet er seinem Bruder Ernst. Sie verbringen
eine Nacht, um sich auszusprechen. Antons Tod hat die Besinnung auf
ihre eigene Lage geweckt. Es ist das nahende Alter, das beide verstört,
die Frage nach einem geistigen Überleben.
Hermann fährt weiter. Er macht in Köln Station, um Lulu und seinen
Enkel Lukas zu besuchen. Das Treffen endet im alten
Tochter-Vaterstreit. Deprimiert lässt sich Hermann mit einer
Prostituierten ein. Dann fährt er, einer telefonischen Einladung
Clarissas folgend, zu ihrer Premiere nach Berlin; und die nächste
Enttäuschung wartet auf ihn. Er hat seine "Günderrode-Lieder"
bei sich, die er Clarissa gewidmet hat und ihr übergeben will. Doch
bei ihrem Wiedersehen in einem Lokal, wo sie mit dem Team den Erfolg
des Konzerts feiert, fühlt er sich als Fremder. Erst sein Rivale,
dann Hermann selbst, verlassen fluchtartig die Feier. Clarissa
bleibt traurig zurück.
Anton Simons Einäscherung und die Urnenbestattung überfordern alle
in Schabbach. Eine Tradition ist im Dorf gebrochen worden, und das
geht so weit, dass nicht einmal die Belegschaft seiner Firma zum
Begräbnis geladen ist, geschweige denn der FC-Schabbach und die
Honoratioren der Kreisstadt und des Landes. "In aller
Stille" der Verlegenheit und des Traditionsverlusts wird die
Urne stillos beigesetzt. Da packt Ernst, der von Kindheit an der
Gegenspieler seines Bruders Anton war, der Zorn. Er hält eine
Stegreifrede: "Anton, zu deinen Lebzeiten, da wäre ein so erbärmlicher
Afffenzirkus nicht vorgekommen." Und Ernst zählt alle auf, die
am Grab fehlen. "Du weißt, die Chemie zwischen uns hat nie
gestimmt. Aber jetzt, wo sie dich verbrannt und in die Luft geblasen
haben, da stimmt sie auf einmal."
Bei seiner Rückkehr ins Günderrode-Haus findet Hermann eine
weinende Clarissa vor. Sie ist an Krebs erkrankt, musste ihre
Tournee abbrechen. Er nimmt sie besorgt in die Arme.
Film
5 DIE
ERBEN (1997)
Sieben Jahre
sind seit der Wende vergangen, genug Zeit, um die neuen Lebensentwürfe
und Hoffnungen von 1989 annähernd verwirklicht zu haben. Jeder -
sei es der kinderlose Ernst, der schon auf die Siebzig zugeht, sei
es der 14jährige Junge Matko - hat versucht, dem Leben ein Stück
persönlichen Glücks abzujagen. Matko ist der Sohn einer
Jugoslawin, die ihn vor Jahren bei einer Freundin in Schabbach zurückgelassen
hatte, um ihn vor dem Krieg in der Heimat zu bewahren. Matko sehnt
sich nach der Mutter und fühlt sich von ihr verlassen.
Beim Kauf einer neuen Cessna hat Ernst den Jungen auf dem Hahn-Gelände
kennengelernt. Seither kümmert er sich rührend um den kleinen
Streuner mit Mofa und amerikanischer Fliegerjacke, obwohl Ernst
derzeit mit einem ehrgeizigen Projekt befasst ist. Mit dem Bau eines
Museums am Goldbach und einer neugegründeten Stiftung, in die er
seine imponierende Expressionismus-Sammlung einbringen will, möchte
er sich unsterblich machen. Die Baupläne sind bereits erstellt,
auch steht die Finanzierung schon. Ernst weiß aber, dass er dennoch
ein einsamer Mann bleiben wird, ohne eigene Familie, ohne
Geborgenheit und Liebe. Dieses Vakuum in seiner Seele könnte Matko
ausfüllen, wenn Ernst nicht so unschlüssig wäre. Er schiebt die
Entscheidung, den Jungen zu sich zu nehmen und zu seinem Nachfolger
auszubilden, vor sich her.
Hermann und Clarissa haben wieder zueinander gefunden, aber der
Preis für ihre neue Zweisamkeit ist hoch: Clarissas Krebserkrankung
ist zu einer leidvollen Odyssee durch Operationssäle, Kliniken und
riskante Therapien geworden. Täglich besucht Hermann die Kranke und
umsorgt sie hingebungsvoll. Seine Tochter Lulu und Lukas, sein
Enkel, wohnen derzeit bei ihm im Günderrode-Haus. Als Assistentin
des mit Ernsts Museumsbau beauftragten Architekten Delveau hat Lulu
die attraktive Aufgabe der Bauleitung übernommen. Mit großer Tüchtigkeit
installiert sie sich auf dem Gelände und treibt die Bauplanung
voran - allerdings gegen den Widerstand der Schabbacher Bürger.
Im Dorf hat sich vieles verändert, und es scheint, dass der
einstige Gemeinsinn einem individualistischen Profitdenken gewichen
ist. Es gibt hier nun auch die "Neuschabbacher" mit ihren
reichen Wochenend-Villen, und sie nehmen wachsenden Einfluss auf die
örtliche Politik. Sie wollen ländliche Ruhe, Naturidylle und keine
Besucherströme zu einem Museum beim Dorf. Darum haben sie eine
Kampagne gegen Ernst mobilisiert, ja sogar gegen den gesamten
"Simon-Clan", den sie als Schabbachs Unglück verrufen.
In einem Punkt haben die Neuschabbacher recht, und deshalb schließen
sich ihnen die Einheimischen an: Die "Optischen Werke
Simon" sind nach Antons Tod und unter seinem Nachfolger Hartmut
in eine Dauerkrise geraten und haben den Dorfbewohnern
Arbeitslosigkeit und den Verlust ganzer Lebenskonzepte beschert.
Hartmut ist in die Fänge eines internationalen Konzerns geraten,
dessen einziges Interesse es ist, ihn als Konkurrenten vom Markt zu
verdrängen.
Beim Kampf um die Verwirklichung seiner Museumsidee argumentiert
Ernst auch damit, Schabbach aus der Finanzmisere retten zu können.
Aber als einem "Simon" misstraut man ihm jetzt. In seiner
wachsenden Einsamkeit kommt ihm die Idee, einen Frankfurter
Detektiv, Herrn Meise, mit der Suche nach einem Erben zu
beauftragen. Ernst hofft, in seinem unsteten Fliegerleben irgendwo
ein Kind gezeugt zu haben, dem er sein Vermögen und all seine unerfüllten
Hoffnungen vererben könnte. Als der Gemeinderat ihm definitiv die
Baugenehmigung verweigert, steigt Ernst in sein Flugzeug und verunglückt
tödlich an der Loreley.
Sein Tod macht die Probleme nur noch größer. Die Hinterbliebenen,
Ernsts Neffen und Nichten, gieren nach seinem Vermögen. Man trifft
sich bei Hermann im Günderrode-Haus, wo es zu hässlichen
Konfrontationen kommt. Hermann und Lulu plädieren, das
Museums-Projekt zu verwirklichen und die Kunstsammlung zu erhalten;
die Reichen in der Familie wollen deren Verkauf. Natürlich will
auch Hartmut Geld sehen, um seine Firma vor der Pleite zu retten. Da
funkt Meise, der Frankfurter Erbenermittler, mit der Idee
dazwischen, dass Matko, den Ernst so gemocht hatte, dessen Sohn sei.
Entrüstet nimmt die Familie den Kampf gegen den armen Jungen auf.
Als angeblicher Millionenerbe wird er zur Zielscheibe von Neid und
Hass - auch seiner Mitschüler und der Leute im Dorf. Hermann nimmt
den Jungen bei sich auf, um ihn zu schützen. Doch Meise hat Matkos
Mutter aus Bosnien herbeigeholt. Sie und ihr Sohn werden zum
Bluttest in eine Mainzer Klinik geschleppt. Eine DNS-Analyse soll
die Frage der Abstammung klären.
Matko flieht, nicht zuletzt auch vor der vom Krieg entstellten
Mutter, die er nicht mehr als die seine erkennt. Er klettert auf die
Loreley, zum Ort, wo Ernst, sein einziger Freund, den Tod fand. Als
seine Verfolger und die ihm fremde Mutter ihn dort aufspüren, stürzt
er sich in die Tiefe. Die Tragödie ereignet sich in dem Augenblick,
als Hermann die genesende Clarissa ins Günderrode-Haus heimbringt.
Von hier aus ist der Anblick der Loreley vertraut und freundlich.
Der neuen Hoffnung auf ein wenig Lebensglück für das Paar scheint
nichts mehr im Wege zu stehen. Die DNS-Analyse hat ergeben, dass
Matko nicht Ernst Simons Sohn gewesen ist.
Film
6 ABSCHIED
VON SCHABBACH (1999-2000)
Am 9.
August 1999, dem Tag der Sonnenfinsternis, ist Gunnar Brehme
nach München gereist. Der Grund für sein Kommen ist nicht
das große Naturereignis, in dessen Erwartung sich
Menschenmassen mit "Sofi"-Brillen durch die
Innenstadt drängen. Gunnar muss heute eine Gefängnisstrafe
wegen Trunkenheit am Steuer antreten, die er einem
"Wiesn"-Besuch vom letzten Jahr verdankt. In der
Menge trifft er auf Tillmann und Moni, die mit einem Bus
voller Schabbacher Laienspieler in der Stadt Station machen.
Auch Hermann und Clarissa sind an diesem Tag nach München
gekommen, um am Abend mit den "Günderrode-Liedern"
eine gemeinsame Tournee zu starten.
Das Schauspiel am Himmel ergreift selbst Gunnar in seinen
bangen Gedanken. Fasziniert und brillenlos hat er aber zu lang
in die Sonnenkorona geblickt und sich die Augen geblendet.
Immerhin kann die Verletzung als Grund für einen Tag
Haftaufschub dienen, und er beschließt, seine Exfrau Petra
mit Reinhold und vor allem seine beiden Töchter zu besuchen,
die inzwischen Teenager sind. Er trifft die Familie, als das
Paar gerade aufbricht, um das Konzert von Hermann und Clarissa
zu besuchen. So verbringt Gunnar den Abend allein mit den Töchtern
und erlebt, dass Nadine, die ältere, ihn als ihren
"richtigen" Vater nicht vergessen hat. Sie erinnert
sich auch an den "Entertainer", den er auf dem
Klavier spielt; sie kocht für ihn und versorgt ihn mit
reichlich Wein. Gerührt beichtet Gunnar ihr, dass er für ein
halbes Jahr in den Knast muss.
Als Petra und Reinhold nach dem Konzert mit den beiden Künstlern
zu einem Restaurant gehen wollen, kreuzt der Hunsrücker
Reisebus ihren Weg. Hermann erfährt, dass Rudi, der Gastwirt
von Schabbach, gestorben ist. Oft hatte er mit Clarissa über
das treue, fast archaische Paar Rudi und Lenchen gesprochen.
Nun hat der Tod die beiden, die eine Art Leitstern der
dauerhaften Liebe waren, getrennt. Nach Clarissas Krankheit,
die überwunden scheint, erinnert der Todesfall schockartig an
die stete Bedrohung von Liebe und Leben. Aber ehe Hermann und
Clarissa zur Beerdigung in den Hunsrück aufbrechen, taucht
Clarissas Mutter auf. In Panik ist sie aus ihrem Altersheim in
Wasserburg geflohen, hält es unter "lauter sterbenden
Leuten" nicht mehr aus. Clarissa versteht ihre Angst und
fährt mit ihr zum Heim zurück, um sie zum Bleiben zu bestärken.
Hermann begibt sich allein auf die Fahrt in den Hunsrück.
Gunnar hat den Knast beherzt und mit einem kühnen Plan
betreten. Von seiner Zelle aus will er ein Wiedersehensfest
organisieren, das zur Jahrtausendwende an dem Ort stattfindet,
der für ihn und die Freunde zum Wendepunkt des Lebens
geworden ist: das Günderrode-Haus am Rhein. Er hat an der Börse
spekuliert und kann für ein rauschendes Fest zu Neujahr
einiges springen lassen. Voraussetzung ist, dass die bayrische
Justiz sein gutes Betragen als Häftling würdigt und ihn
vorzeitig zum Jahresende entlässt. Gunnar ist sich dessen
sicher.
Hermanns Fahrt endet zunächst in einer Wiese bei Schabbach,
wo er Rast macht und in der schwülen Mittagshitze einschläft.
Im Traum erlebt er seine Rückkehr ins Dorf: Rudi, der
Gestorbene, begegnet ihm im dort und weissagt eine Zukunft,
die der Träumende nicht versteht. Als Hermann erwacht und zur
Beerdigung aufbrechen will, fällt er in einen neuen Traum, in
dem er wiederum Rudi, aber auch anderen Toten begegnet - nicht
nur, wie einst, dem Sarg der Mutter im prasselnden Regen auf
der Dorfstraße, sondern auch Anton, Ernst, Matko und Lutz,
dem Vater seines Enkels.
Hermann kommt fast zu spät zu Rudis Begräbnis. Er erlebt
einen schmerzlichen und auch beglückenden Kontrast zur
Berdigung seiner Brüder. Alle vom Dorf sind erschienen,
keiner fehlt, auch Menschen, die den Toten kaum gekannt haben,
geben ihm die letzte Ehre. Der Pfarrer erinnert an die
fraglose Liebe, die Rudi von Kindheit an für sein Lenchen
empfunden hat. Ergriffen geht Hermann durch den Friedhof,
besucht die Gräber seiner Verwandten.
Doch die Heimaterde gibt keine Ruhe. Mit einem plötzlichen
Erdstoß verschlingt sie Ernsts Gemäldesammlung, seinen im
alten Schieferbergwerk gehorteten Schatz. Die reumütige
Gemeinde hatte das Museumsprojekt unter Lulus Leitung doch
noch genehmigt. Durch die Bauarbeiten sind aber tragende Wände
im ehemaligen Stollen eingebrochen, ein unterirdischer See
entlässt ungeheure Wassermassen aus der Höhle und überflutet
das Gelände am Goldbach. Nur mit Not kann Lulu ihr Söhnchen
Lukas und sein Kindermädchen aus der Überschwemmung retten.
Die Katastrophe hat zudem bewirkt, dass in der Ortsmitte
Schabbachs Erdrisse klaffen. Um sie zu schließen, füllen die
Dorfbewohner in einem panischen Schildbürgerstreich Beton in
die Löcher, der sich unaufhaltsam in die Höhle ergießt, die
sich direkt unterm Dorf befindet. Ernsts Gemälde-Safes werden
unter dem schnell aushärtenden Beton begraben. Lulu, die
todesmutig in den Stollen eingedrungen ist, kann nur noch
feststellen, dass sein "Nibelungenhort" für immer
verloren ist. Auch ihre berufliche Aufgabe ist damit zunichte.
Deprimiert kehrt sie mit ihrem Kind nach Köln zurück.
Erfolgreich ist aber Gunnar. Vom Knast aus hat er das Fest im
Günderrode-Haus bravourös organisiert. Dank ihm wird der
Silvesterabend am Rhein zu einem Wiedersehen aller. Nur er
selbst kann nicht dabei sein. Die bayrische Justiz hatte kein
Erbarmen und lässt ihn die Jahrtausendwende in der Zelle
verbringen. Doch wird Gunnar getröstet - durch einen
musikalischen Gruß von Nadine, deren Liebe zu ihrem Vater
Bestand hat.
Lulu hat Silvester mit Roland, dem Freund von damals,
verbracht und ihr Söhnchen im Günderrode-Haus bei Hermann
gelassen. Roland ist aidskrank und geht auf den Tod zu. Als
Lulu am Neujahrsmorgen zurückkehrt, empfängt sie das
Klavierspiel von Lukas. Der musikbegeisterte Kleine hat
abseits der fröhlichen Silvesterrunde eine ganze
Mozart-Sonatine einstudiert. Lulu weint vor Rührung, vor
Trauer und vor Ratlosigkeit.
Aus:
www.Heimat3.de, dort: Mit
freundlicher Genehmigung des Verlags Collection Rolf Heyne,
2004.
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